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Unser neues Projekt 2017 -2018  

Der Film: Die Schule meines Lebens




Projekt Paradies.

Projekt: "Paradies"

Paradies / Ein Theater-Experimentalfilm

Länge ca. 30 Min.

Das bestehende Theaterstück „ Paradies“ ist die inhaltliche Grundlage einer filmischen Inszenierung. In stilisierten Bildern wird die Geschichte des Flüchtlings Kofi erzählt. Schauspieler sind die Kinder und Jugendliche der Theater AG von Herrn Wagner, der Anni-Braun-Schule.

Die Szenen werden drehbuchgerecht adaptiert. Bestimmende ästhetische Elemente sind ein schwarzer Raum, minimalistische

Bühnenbildversatzstücke, ein 2 x 3 m. grosser Greenscreen und eine Theaterausleuchtung. Jede Szene wird für 2 Kameras sorgfältig inszeniert und prof. aufgenommen. Federführend dabei ist ein experimentell, künstlerische Ansatz, der die emotionalen Tiefen und Spannungsfelder der Geschichte transzendiert und verstärkt.

Weiterhin als Dreharbeit ist ein Interview mit dem Original-Flüchtlingsjungen Kofi vorgesehen, der seine Geschichte der Kamera erzählt. In der Postproduktion entsteht dann ein visuelles Gesamtkunstwerk. Stille wechselt sich ab mit Dialog, Monolog und Musik, Hell wechselt sich ab mit Dunkel. Auf dem Greenscreen, der immer wieder in der Kulisse auftaucht, werden inhaltlich passende Versatzstücke abgespielt, wie Meer, Menschenmenge, Feuer, usw.

Zwischen den einzelnen Theaterszenen werden die entsprechenden

Teile des Original - Interviews eingeblendet. Dokumentarisches geht spielerisch mit der Theaterfiktion eine Symbiose ein. Diese gewollte Redundanz wirkt als Katalysator und verstärkt die Eindringlichkeit der Aussage. Am Ende steht der Experimentalfilm „Paradies“.

Als Produktionszeitraum wird der Juni 2016 angesetzt.


Besuch im Paradies

Besuch im „Paradies“
Knapp zwei Wochen vor den Sommerferien träumten die meisten Schüler am vergangenen Dienstag, den 21. Juli 2015, bereits von ihrem persönlichen Urlaubsparadies am Meer oder in den Bergen.  Die Schüler der Theater-AG an der Anni-Braun-Schule zeigten dagegen, was das persönliche Paradies für ein Kind aus einem Flüchtlingsgebiet bedeuten kann. Sie entwickelten gemeinsam mit ihren Theater-Lehrern Genoveva Todorowa und Michael Wagner ein Theaterstück, welches die Zuschauer mit minimalistischem, aber wirkungsvollem Einsatz von Requisiten, Dialogen und akustischen Einlagen aus diesem heißen Sommernachmittag herausriss. Die jungen Schauspieler machten allen deutlich: Es gibt größere Probleme als ein Stau in der Mittagshitze, eine ausverkaufte Lieblingssorte im Eiscafé - selbst als eine unliebsame Überraschung auf dem Zeugnis.
Bereits an der Tür zum Vorstellungsraum ist alles ein wenig anders als bei einer gewöhnlichen Theatervorstellung. Alle Mobiltelefone sollen ausgestellt werden. Die Zuschauer werden in einen abgedunkelten Raum geführt. Die Schauspieler befinden sich bereits an ihren Positionen und lediglich ein kleines Licht zeigt den Weg zu den Plätzen. Erst wird es völlig dunkel. Dann fällt das Licht auf die erste Szene. Alle tauchen ein in eine Welt, in der sich Kinder aus Verzweiflung zusammenschließen und auf den Weg machen: Flüchtlingskinder. Sie tragen in ihrem Karton ihr ganzes Hab und Gut. Sie werden bedroht, von einer übergroßen Macht, personifiziert durch eine riesige Figur mit Maschinengewehr. Die Figur zögert nicht, das Gewehr zu gebrauchen. Der Lärm des Gewehrs ist ohrenbetäubend. Doch auch für die Überlebenden geht es weiter und weiter. Aus den Kartons wird gemeinsam ein Schiff gebaut. Um genau zu sein ist es eher ein Floß,  das schaukelt und – man kann es kaum ertragen – ein Kind nach dem anderen über Bord und damit in den sicheren Tod wirft. Ein Kind bleibt übrig. Aber erreicht es an Land auch sein Paradies? So einfach wird es ihm nun nicht gemacht. Die Bewohner des Landes reagieren abweisend. Sie zeigen dem Kind, dass es nicht erwünscht ist. Es ist verzweifelt. Da kommt eine Person auf das Kind zu – und schenkt ihm ein Zelt. Das Kind baut das Zelt auf und hat es gefunden – sein Paradies. In einer fremden Sprache spricht es Worte der Freude und, wie die Zuschauer später erfahren, des Dankes. 

Einige Tage nach der Aufführung, ergab sich die Möglichkeit, Frau Todorowa und Herr Wagner genauer zu ihrer Arbeit und der Entstehungsgeschichte des Theaterstücks „Paradies“ zu befragen.


Frau Todorowa, woher kommt Ihr Interesse am Theater?


Fr. T. Schon als Kind bin ich quasi im Theater aufgewachsen, weil mein Vater Regieassistent war, meine Oma Schauspielerin und mein Opa Opernsänger. Im Referendariat habe ich dann die Zusatzausbildung „Schultheater und Darstellendes Spiel“ gemacht. Mir gefällt es sehr, kreativ zu sein. Bis jetzt hatte ich noch nicht die Gelegenheit, es auszuprobieren. Doch nun bot sich die Chance, mit Herrn Wagner zusammenzuarbeiten, die ich gerne nutze.

Herr Wagner, Sie haben schon jahrelange Erfahrungen mit Theater- und Filmprojekten an der Anni-Braun-Schule. Welche Motivation steckt dahinter, Theater mit Schülern in der Schule zu spielen?


Hr. W. Ich bin zum Theater gekommen wie die Jungfrau zum Kinde. Ich hatte zu Beginn meiner Zeit an der Anni-Braun-Schule scherzhaft einer Kollegin vorgeschlagen, ein Theaterstück aufzuführen. Die damalige Schulleiterin überhörte meinen Vorschlag und unterstütze unser Vorhaben. So entstand mein erstes großes Theaterstück. Im Anschluss daran wurde ich direkt auf eine Fortbildung geschickt, so dass ich nun Theaterlehrer bin.

Wie entstand das Theaterstück?


Hr. W. Das geschah zufällig. Frau Todorowa und ich hatten bereits gemeinsam mit den Schülern ein Krippenspiel inszeniert. Zu dieser Zeit war die Flüchtlingsthematik wieder in den Schlagzeilen. Ich hatte diese Assoziation, dass Josef und Maria auch Flüchtlinge auf der Suche nach einem Obdach waren. Auch ihnen wurde dieses verweigert. Ich wollte dieses Thema aufgreifen und hatte ursprünglich einen Bezug zu der christlichen Geschichte geplant. Dann haben wir die Idee aber nicht aufgegriffen. Es hat sich anderes entwickelt - das geschieht oft, wenn man Stücke plant.

Und wie kam der Titel zustande?


Fr. T. Ursprünglich war ja ein Stück mit dem Hinweis auf die Krippengeschichte geplant und diese dann „Mary und Joe auf der Flucht“ zu nennen. Auf einmal tauchte dann der Name „Paradies“ auf.


Hr. W. Es sollte aber nicht den Eindruck eines Spaghetti Westerns erwecken. Ich las dann in der Süddeutschen Zeitung einen Artikel, in dem unbegleitete Flüchtlingskinder ihre Geschichte erzählt haben. Eine dieser Geschichten trug den Titel „Paradies“. Da uns beiden der Titel gefallen hat, haben wir ihn übernommen.


Fr. T. Und dann haben wir festgestellt, dass wir topaktuell sind. Gerade wurde im Volkstheater ein Stück mit dem Titel „Welcome to Paradise“ aufgeführt. 


Hr. W. Mit dem Stück „Paradies“ erzählen wir die Geschichte des Jungen Kofi, einem Flüchtling aus Mali. Es handelt von den Stationen, die er durchleiden musste. Diese haben wir szenisch bearbeitet auf theatrale Art dargestellt. Es wäre wirklich interessant, diesen Jungen Kofi aufzuspüren. Den gibt es ja wirklich.


Welche Meinung hatten die Schüler zu der Problematik?


Hr. W. Ich hatte den Eindruck, sie hatten sich noch gar nicht mit dem Thema auseinandergesetzt. Es war für sie eher fremd. Wir haben sie dann an die Thematik herangeführt. Ich habe begonnen, ihnen davon zu erzählen und ihnen auch altersgemäße Geschichten zu dieser Thematik vorgelesen.

Wie haben die Schüler darauf reagiert?


Fr. T. Die Schüler waren im ersten Moment betroffen.
Hr. W. Ja, es hat die Schüler bewegt. Danach sind sie sehr spielerisch mit dem Thema umgegangen und haben die Ideen für die Darstellung aus dem kindlichen Spiel heraus entwickelt. Das war auch meine Intention. Ich wollte weder die Dramatik noch die Realität zu sehr in den Vordergrund stellen.


In wieweit konnten die Schüler ihre eignen Ideen einbringen?


Hr. W. Wir haben den Schülern die Geschichte von dem Flüchtlingskind Kofi vorgelesen und diese als Grundlage vorgegeben. Dann haben wir zusammen überlegt: Was könnte Kofi passiert sein? Wir haben den Schülern komplett die Freiheit gegeben, aus sich heraus eine Szene zu entwickeln. Eigentlich ist das eine äußerst schwere Aufgabe. Wir hatten allerdings mit manchen Schülern schon anderthalb Jahre zusammengearbeitet. Dadurch wussten wir, dass die Schüler dazu in der Lage sind und ihnen diese Aufgabe zugetraut. Und das haben sie dann auch sehr gut gemacht.
Fr. T. Zum Beispiel haben zwei Mädchen aus der 6c den ganzen Anfang der Geschichte entwickelt: Die Kinder werden von Daheim weggeschickt und raufen sich zusammen.
Hr. W. Auch die Szene, als dieser Riese die Gruppe der Kinder bedroht, wurde von ihnen selbst ausgedacht. Teilweise haben wir auch Szenen aus dem Krippenspiel übernommen.
Fr. T. In leicht abgeänderter Form.
Hr. W. Beispielsweise die Szene mit dem Flüchtlingsboot, die Szene mit der Bitte um Asyl und die letzte Szene, in der das Zelt die Zuflucht bietet.

Nach welchen Kriterien wurden die Requisiten in dem Stück ausgewählt?


Fr. T. Zum Teil sind die Requisiten per Zufall entstanden.
Hr. W. Ein Karton stellt ein starkes Symbol für einen dauerhaften Ortswechsel dar.
Fr. T. Dann haben wir an einem Nachmittag die Kartons noch einmal neu bearbeitet. Auf die Kartons haben wir die Namen der verschiedenen Länder drauf geschrieben.
Hr. W.  Das waren die Länder, aus denen am meisten Asylsuchende nach Deutschland kommen.
Fr. T. Dazu haben wir Namen und Alter der Flüchtlinge geschrieben. Wir wollten zeigen: Schaut, das ist jetzt ein wirklicher Mensch, der gerade sein Heim verlässt und nicht irgendeine Zahl für die Menge der Flüchtlinge. 
Hr. W. Die Namen stammen zum Teil von den Kindern aus dem Artikel „Paradies“.
Fr. T. Bei den anderen Namen habe ich im Internet nach landestypischen Namen gesucht und diese dann entsprechend ausgewählt.
Hr. W. Das ganze Stück basiert auf dem Prinzip des „Armen Theaters“ nach dem polnischen Regisseur und Theatertheoretiker Jerzy Grotowski. Es geht nicht darum, mit riesigen Kulissen einen extremen Technikaufwand zu betreiben. Vielmehr soll mit einfachen Mitteln Theater gemacht werden. Der Schauspieler und seine Kunst, sich auszudrücken, stehen im Mittelpunkt. Das ist ein Grundprinzip, nach dem wir arbeiten: wenig Kulissen und wenig Requisiten.


Konnten Sie bei den Schüler während des Theaterstücks eine Weiterentwicklung beobachten?


Hr. W. Die Schüler haben sich insgesamt positiv entwickelt. Man merkt deutlich, dass die Schüler, die bereits zwei Jahre Theater gespielt haben, eine außerordentliche physische Präsenz zeigen. Die Körpersprache der Schüler ist unheimlich entwickelt. Ein anderer Schüler, der erst vor einem halben Jahr in die Gruppe kam und zu Beginn sehr schüchtern war, hat jetzt sogar eine Sprechrolle übernommen. Das Theater eignet sich generell hervorragend für die sprachliche Entwicklung der Schüler. Unser Ansatz  ist zielorientiert. Dadurch nimmt man den Schülern das negative, defizitäre Selbstbild. Sie arbeiten nicht an sich selbst, sondern für das Publikum. Das ist ein riesengroßer Unterschied. Dann kann man die Schüler fordern und sie beziehen es nicht direkt auf sich selbst. Vielmehr sehen sie das Üben der Sprechrolle als notwendig, damit das Publikum sie versteht. 

Die Schulleiterin der Anni-Braun-Schule, Ruth Plaumann, war von dem Theaterstück begeistert und lobte die herausragende Leistung der Schauspieler und Regisseure. Sie schlug vor, das Stück ein weiteres Mal aufzuführen und auch auf Film festzuhalten. Nun ist die Anni-Braun-Schule auf der Suche nach einem Raum, der zum einen über genügend Platz für ein größeres Publikum verfügt und zum anderen abgedunkelt werden kann.


Anne Stoppok

Bilder der Proben zu „Paradies“              













Video auf 

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